Von Gerd Kommer und Felix Grossmann
Das Buch The Missing Billionaires – A Guide to Better Financial Decisions der beiden amerikanischen Vermögensverwalter Victor Haghani und James White enthält eine faszinierende Kalkulation zum Thema „Reiche werden viel öfter wieder arm, als wir glauben“. Wir geben diese Berechnung nachfolgend in leicht modifizierter Form wieder.
Im Jahr 1900 lebten in den USA rund 4.000 Personen mit einem Vermögen von einer Million Dollar oder mehr. Mangels genauerer Daten nehmen Haghani/White vereinfachend an, dass ein Viertel dieser 4.000, also etwa 1.000 Personen oder Haushalte ein Vermögen von mindestens fünf Millionen Dollar besaßen. Aufinflationiert mit der durchschnittlichen US-Inflationsrate während der 122 Jahre von 1900 bis 2022 entsprechen fünf Millionen Dollar aus dem Jahr 1900 in Geld von 2022 (dem Endzeitpunkt der Berechnung im Haghani/White-Buch) etwa 180 Mio. Dollar, aufinflationiert mit dem Wachstum der amerikanischen Volkswirtschaft (und damit in etwa dem Wachstum der US-Haushalteseinkommen) rund 6 Mrd. Dollar. Der korrekte aufinflationierte Wert dieser „Wahrheit“ liegt wohl irgendwo dazwischen (siehe nachfolgende Infobox „Aufinflationierung“).
Infobox: Die korrekte Methode der Aufinflationierung historischer Geldbeträge
Typischerweise werden Preise, Einkommen oder Vermögenswerte aus der lange zurückliegenden Vergangenheit mit der durchschnittlichen Konsumgüterinflationsrate in heutige Geldwerte transformiert („aufinflationiert“). Ob das so korrekt ist, darf bezweifelt werden. Es spricht vieles dafür, hierzu stattdessen die im Allgemeinen höhere nominale Wachstumsrate der Haushaltseinkommen zu verwenden, bzw. als für jedermann leicht verfügbaren Ersatz dafür, die nominale Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes pro Kopf (Williamson u.a. 2026). Diese Methode führt zu höheren Werten in heutigem Geld.
Auf diese 1.000 Personen – etwas über 0,001% der damaligen US-Bevölkerung von 78 Millionen – konzentrieren wir uns. Wir nennen diese Reichtumselite unsere „MB-Gruppe“ für „Missing Billionaires“ in Anlehnung an das Haghani/White-Buch. Warum wir von Missing Billionaires sprechen, wird sogleich klar werden.
Treffen wir nun folgende einfachen, naheliegenden Annahmen: Die 1.000 Personen waren jeweils Teil eines Paares, also einer Familie. Mitgliedermäßig wuchsen diese Familien bis heute mit der gleichen Rate wie die gesamte US-Bevölkerung. Im Jahr 1900 investierten alle Mitglieder der MB-Gruppe ihr jeweiliges Gesamtvermögen in ein breit diversifiziertes Portfolio aus US-Aktien (eine repräsentative Stichprobe aus z. B. 40 Aktien). Die Familien entnahmen jährlich real 2% ihres Vermögens für Lebenshaltungszwecke. [1] Angesichts des hohen Vermögens ist das eine großzügige Annahme. Diese Entnahmerate hätte einen Lebensstandard zugelassen, der um ein hohes Vielfaches anspruchsvoller gewesen wäre als der eines Durchschnittsamerikaners und das ohne weitere berufliche Tätigkeit der betreffenden Personen.
„Reale Entnahme“ heißt, dass der korrespondierende absolute Entnahmebetrag aus dem Jahr 1 (also 1900) jedes Jahr mit der Inflationsrate erhöht wurde, so dass die Konsumgüterkaufkraft der Entnahme unverändert blieb. Im Zeitablauf bezahlten die Familien Steuern auf Dividenden und ggf. realisierte Kursgewinne, wobei sie – unter Berücksichtigung ihrer Entnahmen – einen Buy-and-Hold-Ansatz verfolgten, der half, die effektive Belastung mit Steuern deutlich unter den statutarischen (gesetzlichen) Steuersatz zu senken. (Wie das – in praktisch jedem nationalen Steuersystem – funktioniert, erläutern wir in einem gesonderten Blog-Beitrag)
Am Ende des Jahres 2022 wären so aus den ursprünglichen 1.000 Familien rund 4.300 Familien geworden, jede mit einem durchschnittlichen Mindestvermögen von rund 2,3 Milliarden Dollar. Mindestvermögen deswegen, weil wir für alle Familien mit einem Vermögensstartwert von fünf Millionen gerechnet haben, während dieser Wert in Wirklichkeit nur die Untergrenze des Vermögens der betreffenden 1.000 Familien gewesen sein dürfte.
Haghani/White kommen in ihrem Buch sogar auf 16.000 Familien für das Jahr 2022 mit einem Mindestvermögen von einer Milliarde Dollar pro Familie, da sie in ihrer Kalkulation bei den angenommenen Effekten von Kosten, Steuern und Entnahmen insgesamt weniger konservativ als wir vorgegangen sind.
Tatsächlich existierten 2022 in den USA allerdings nur 730 Familien mit einem Vermögen von einer Milliarde Dollar oder mehr. Haghani/White schreiben, dass mutmaßlich keine einzige dieser Familien mit der ursprünglichen MB-Gruppe näher verwandt ist. Mit anderen Worten: Vermutlich keine der 1.000 superreichen Familien in unserer MB-Gruppe aus dem Jahr 1900 hat es geschafft, sich über diese rund fünf Generationen hinweg in der Topgruppe der Superreichen zu halten.
Vermögenszerfall bei Superreichen
Der offenbar erstaunlich universelle und schnelle Vermögensverfall der Superreichen lässt sich auch mit anderen Zahlen illustrieren. Die erste Forbes-400-Liste der Superreichen in den USA wurde im Jahr 1982, vor über 40 Jahren, publiziert. [2] Von den 400 Familien in der 2022er-Ausgabe der Zeitschrift Forbes waren gemäß Haghani/White weniger als 10% bereits in der ersten Liste von 1982 enthalten.
Noch umfassender und eindeutiger analysiert wird die kurze „Halbwertszeit“ des Vermögens von Superreichen in den USA in der wissenschaftlichen Untersuchung „The Rich get poorer – The Myth of Dynastic Wealth“ von Arnott/Bernstein/Wu 2015.
Über das Ausmaß des Vermögenszerfalls von „Normalreichen“, Familien, mit einem Vermögen von „nur“ einigen Millionen Euro existieren solche aufwendigen Untersuchungen unseres Wissens nicht, aber wir sehen keinen Grund, warum diese vermögenden, jedoch nicht superreichen Familien anderen Gesetzmäßigkeiten unterliegen sollten.
Warum liest man in den Medien und in den populistischen Büchern zur ökonomischen Ungleichheit dennoch regelmäßig „die Reichen werden immer reicher“? Das hat zwei Hauptursachen. Die erste ist, dass bei den zugrundeliegenden Zeitfenstern und regionalen Einheiten (z. B. ein einzelnes Land versus die ganze Welt) sehr gerne Rosinenpicken betrieben wird, um zum sensationalistischen Wunschergebnis vieler Journalisten zu kommen: „Die ökonomischen Ungleichheit nimmt zu und die Reichen werden immer reicher.“
Die Forschung zur ökonomischen Ungleichheit ist unvollständig
Die zweite Hauptursache: Praktisch die gesamte akademische Forschung zur Verteilung von Einkommen oder Vermögen im Zeitablauf, also zu der im gesellschaftspolitischen Diskurs wichtigen Frage der ökonomischen Ungleichheit, basiert methodisch darauf, „Reiche“ als abstraktes statistisches Aggregat zu betrachten, als eine kleine prozentuale Gruppe am oberen Ende der Einkommens- oder Vermögensverteilung z. B. 10%, 1% oder 0,1%. Diese Art auf das Bevölkerungssegment Reiche zu blicken ist jedoch zu unterscheiden von dem völlig anderen Analyseansatz „Reiche als eine nicht-abstrakte Gruppe spezifischer natürlicher Personen“ – ein Unterschied von kaum zu überschätzender Tragweite.
Würde man Ungleichheitsforschung zusätzlich zur „konventionellen Methode“ (Reiche als abstrakte prozentuale Gruppe) systematisch auch auf letzterer methodischen Basis durchführen (Reiche als spezifische natürliche Personen), lautete die resultierende Schlagzeile wohl beinahe ausnahmslos: „Die Reichen von vor 10 oder 20 oder 30 oder 50 Jahren sind relativ und oft genug sogar absolut ärmer geworden“ oder „die reichen Familien von heute sind kaum noch die reichen Familien von vor 20, 30 oder 50 Jahren“.
Das ist deswegen der Fall, weil die Zusammensetzung der Gruppe der Reichen im Zeitablauf nach allem was wir wissen, erstaunlich stark und schnell wechselt. Es findet eine ständige Migration in diese Gruppe hinein („von unten nach oben“) und aus dieser Gruppe heraus („von oben nach unten“) statt. Es ist eben gerade nicht ein „Closed Club von Reichen“ bzw. reichen Familien, die sozusagen für immer finanziell ganz oben stehen und alle anderen stehen für immer ganz unten.
Zurück zur traditionellen, konventionellen und unseres Erachtens unvollständigen oder sogar missverständlichen Messung von Ungleichheit (Reiche als statistisches Aggregat): Trotz des anderen Eindrucks, den uns die Medien hierzu seit Jahren vermitteln, ist sogar diese Form der ökonomischen Ungleichheit in der Hinsicht, die am meisten zählt, nämlich auf globaler Ebene, in der relevanten Vergangenheit gesunken. Der so genannte GINI-Koeffizient der verfügbaren Einkommen, ein mathematisches Maß für Einkommensungleichheit, zeigt auf globalem Level (also alle Länder umfassend) heute mehr wirtschaftliche Gleichheit oder weniger Ungleichheit als noch 1960. Gegenüber 1990 ist die Ungleichheit besonders stark gefallen. Der Hauptgrund: Die Haushaltseinkommen in Entwicklungsländern sind insgesamt schneller gewachsen als in den Industrieländern. Das geht vor allem auf marktwirtschaftliche Reformen in China, Indien und anderen großen und kleinen Schwellenländern zurück.
Betrachtet man Nachsteuereinkommen und nicht – wie es latent irreführend in den meisten solchen Ungleichheitsstatistiken üblich ist – Vorsteuereinkommen sowie Einkommen inklusive staatlicher Transferleistungen („Sozialhilfe“, Arbeitslosenunterstützung etc.), dann hat die Einkommensungleichheit auch in den meisten westlichen Ländern (also nicht nur auf globalem Niveau) seit 1990 abgenommen oder sich seitwärts bewegt.
Fake News in den Medien zu „Die Reichen werden immer reicher“
Ein beträchtlicher Teil der Berichterstattung zur angeblichen Zunahme der ökonomischen Ungleichheit (mit der Implikation „die Reichen werden immer reicher“) führt dafür sogar Zahlen und Entwicklungen als „Beweise für steigende Ungleichheit“ an, die ganz offensichtlich gar nichts über Ungleicheit aussagen oder aussagen können, z. B. den Anstieg der absoluten Zahl der Milliardäre in einem einzelnen Land oder weltweit im Zeitablauf. Ein solcher Anstieg würde in einem gegebenen längeren Zeitraum sogar dann stattfinden, wenn die Ungleichheit unverändert bliebe oder sänke, einfach deswegen, weil er die notwendige Folge der kombinierten Wirkung von Bevölkerungswachstum, Wirtschaftswachstum und Inflation ist.
Zwischenfazit: Dass die ökonomische Ungleichheit zunimmt und per Implikation die Reichen immer reicher, die Armen finanziell stagnieren oder immer ärmer werden sind in dieser Pauschalität klar falsche Feststellungen. (a) Weltweit hat die ökonomische Ungleichheit in den letzten 50+ Jahren relativ konsistent trendmäßig abgenommen, (b) auch in den reichen westlichen Ländern ist sie seit einem Hochpunkt Anfang der 1990er Jahre gesunken, insbesondere, wenn man Nachsteuereinkommen und staatliche Transferleistungen berücksichtigt. (c) Spezifische reiche Familien werden nicht immer reicher, sondern als Gruppe langfristig sehr wahrscheinlich ärmer (relativ und/oder absolut). Das deuten jedenfalls die wenigen verfügbaren Daten und Untersuchungen an, die die Ungleichheitsforschung hierzu bisher geliefert hat.
In dieses komplexe und ethisch-gesellschaftspolitisch geladene Thema spielt noch eine weitere kognitive Täuschung auf der Ebene des individuellen Betrachters mit hinein: Warum hören wir in den Medien und in unserem persönlichen sozialen Umfeld viel öfter von spezifischen Menschen, die reich werden als von Reichen, die verarmen? Weil Erstere stolz darauf sind, manche auch damit prahlen, während Letztere es beinahe ausnahmslos verschweigen, da sie ihren finanziellen Abstieg als Niederlage und/oder Schande empfinden.
Doch wie auch immer. Entscheidend ist hier, dass die Zusammensetzung der reichsten 10% oder 1% im Zeitablauf erstaunlich stark wechselt. Es sind eben nicht immer die gleichen Personen oder Familien, die heute in dieser Spitzengruppe liegen wie vor zehn Jahren, 25 Jahren oder 50 Jahren. Diesen sachlich und gesellschaftspolitisch wichtigen Sachverhalt nicht klar zu kommunizieren, ihn insgesamt kaum empirisch zu erforschen, ihn regelrecht totzuschweigen, darin kann man ein systematisches Versagen der soziologischen und ökonomischen Ungleichheitsforschung sehen. [3]
Die Gründe für dieses Versagen liegen auf der Hand. Mit der Bedienung des Narrativs „die Ungleichheit nimmt zu und die Reichen werden immer reicher“ wird man als Forscher in den Medien, in der Öffentlichkeit und in der Politik viel mehr Aufmerksamkeit erhalten, wird man eher eine Aufstockung des eigenen Forschungsetats erreichen und wird überdies nirgendwo Widerspruch ernten. Analoges gilt für Journalisten, die mit der Clickbaiting-Schlagzeile „die Ungleichheit nimmt zu“ natürlich mehr Auflage und Klicks erzielen als mit der tatsächlich korrekten Schlagzeile „Nach den wichtigsten Kriterien nimmt die Ungleichheit ab und die meisten Reichen von vor 20+ Jahren sind heute ärmer“.
Auf der Ebene des Einzelhaushaltes verstärkt das falsche Narrativ den Irrglauben: „Einmal reich, immer reich“ und erschwert den grundsätzlichen Mindshift, den ein reich gewordener Haushalt für den Übergang in ein wirklich funktionierendes Vermögensschutz-Mindset braucht.
Was uns Romane über Reichtumszerfall sagen
Vielleicht sollten die Damen und Herren akademischen Reichtums- und Ungleichheitsforscher statt mit offensichtlich unvollständigen oder aktivistischen statistischen Methoden und Daten zu rechnen, einmal die belletristische Literatur der letzten 200 Jahre auswerten. Darin werden vermutlich mehr „von reich-zu-arm“ als „von arm-zu-reich“-Schicksale erzählt – Schicksale spezifischer Menschen. Natürlich sind das zunächst einmal fiktive Schicksale, aber wir können getrost davon ausgehen, dass diese auf der von den Autoren beobachteten und erfahrenen realen Lebenswirklichkeit in ihrer Gesellschaft basieren. Hier beispielhaft ein Beleg aus dem Roman Der grüne Heinrich von Gottfried Keller (1819-1890): [4] „Die Einteilung des Besitzes [in der Schweizer Kleinstadt, wo der Roman spielt] aber verändert sich von Jahr zu Jahr ein wenig und mit jedem halben Jahrhundert fast bis zur Unkenntlichkeit. Die Kinder der gestrigen Bettler sind heute die Reichen im Dorfe, und die Nachkommen dieser treiben sich morgen mühsam in der Mittelklasse umher, um entweder ganz zu verarmen oder sich wieder aufzuschwingen.“ [5]
Thomas Manns (1875-1955) Buddenbrooks (Publikation 1901), der wichtigste Gesellschaftsroman überhaupt in deutscher Sprache, ist ein anderes Beispiel für eine spezifische superreiche Familie, die in zwei Generationen durch eine Kombination von materialisiertem Klumpenrisiko (zu wenig Diversifikation), Inkompetenz, Verschwendungssucht und Faulheit wieder arm wird. (Die Faulheit in der zweiten Generation der Familie wird vielfältig euphemistisch verklärt, z. B. als „Sensibilität“ oder „künstlerische Neigung“.)
Otto von Bismarck (1815-1898) soll einmal – in aus heutiger Sicht politisch unkorrekter Terminologie – gesagt haben „die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet es, die dritte studiert Kunstgeschichte und die vierte verkommt.“ Im Volksmund existieren vielfältige Abwandlungen dieser Beobachtung. Das angelsächsische Sprichwort „from rags to riches and back again in three generations“ drückt den gleichen Sachverhalt aus. [6]
Es stellt sich nun die Frage, warum reiche Familien offenbar so schlecht in der Disziplin „langfristiger Vermögensschutz“ sind. Wer sich mit dieser interessanten Fragestellung näher beschäftigt, dürfte zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen wie wir. Sieben mögliche individuelle Ursachen für Armwerden springen in Bezug auf Reiche in den westlichen Ländern besonders ins Auge:
(a) Verteilung des Vermögens auf eine „zu große“ Zahl von Nachkommen,
(b) Verteilung und Reduktion des Vermögens durch Ehescheidungen (zu den finanziellen Implikationen von Ehescheidungen und Trennungen, siehe unser gesonderter Blog-Beitrag),
(c) zu hohen Steuern,
(d) zu hoher, verschwenderischer Lebensstandard,
(e) zu hohe Nebenkosten von liquiden Investments, [7]
(f) zu viele schlechte unternehmerische Investments („die eigene Firma“),
(g) zu umfangreiche philanthropische Vermögenstransfers/Spenden.
Die Faktoren (b) und (d) bis (g) hat die betreffende Familie vollständig in eigener Hand. Den Faktor (c) (hohe Steuern) kann sie zumindest bis zu einem gewissen Grad beeinflussen. Einzig Faktor (a) liegt de facto außerhalb der Kontrolle der Akteure, weil hier nicht-ökonomische Ziele (sich viele Kinder wünschen) oberhalb ökonomischer Ziele stehen.
In einem spezifischen von-Reich-zu-Arm-Einzelfall wird zumeist mehr als nur eine dieser sieben Ursachen gewirkt haben. Die bedeutendste einzelne Ursache hierbei ist jedoch – da besteht für uns wenig Zweifel – Ursache (f): Zu viele schlechte unternehmerische Investments. (Man beachte dabei, dass in unserer eingangs geschilderten Missing-Billionaires-Kalkulation die fünf Ursachen [a] bis [e] bereits ganz oder teilweise berücksichtigt sind.)
Anders formuliert: Reiche werden reich, weil sie in der Vermögensaufbauphase typischerweise über einen längeren Zeitraum hinweg sehr rentable, konzentrierte Investments in Gestalt ihrer unternehmerischen Aktivität tätigen.
Die Hauptursache für den Vermögensverlust von Reichen
Reiche Familien werden danach vor allem deswegen wieder arm, weil sie irgendwann als Reiche – wiederum in Gestalt unternehmerischer Aktivitäten – schlechte Investments tätigen, präziser formuliert, im Verhältnis zum Gesamtvermögen zu konzentrierte (zu umfangreiche) verlustträchtige unternehmerische Investments tätigen und das immer wieder über einen langen Zeitraum hinweg. Sehr oft sind es auf dem finanziellen Weg nach unten Investments in die gleichen Unternehmen oder Branchen wie zuvor auf dem Weg nach oben. Die theoretische Logik dieses Vermögensverfallsprozesses legt Sosner 2022 dar (Literaturverzeichnis weiter unten).
Auch die unter akademischen Ökonomen einiges Aufsehen erregenden Forschungen des amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Bessembinder bestätigen diese Logik. Bessembinders empirische Analysen zeigen, dass die im Vergleich zu anderen Anlageklassen hohen langfristigen Durchschnittsrenditen des Aktienmarktes letztlich aus nur etwa 4% aller börsennotierten Firmen (Aktien) stammen. Die restlichen 96% aller gelisteten Unternehmen steuern nur marktunterdurchschnittliche Renditen bei und in zahlreichen Fällen sogar 100%-Verluste (Bessembinder 2018). Hauptursache im Statistikjargon: Aktienrenditen sind stark „rechtsschief“ verteilt. Diese Ergebnisse dürften Eins zu Eins auf nicht börsennotierte Unternehmen übertragbar sein. Bei Unternehmensneugründungen (Startups) scheitern ca. 50% in den ersten fünf Jahren, wenn man „Scheitern“ als erzwungene oder freiwillige Liquidation definiert und über 90%, wenn man Scheitern als „das Unternehmen erfüllte die ursprünglichen finanziellen Ewartungen des Gründers nicht“ definiert (siehe dazu unser gesonderter Blog-Beitrag).
Die berühmte amerikanische Familie Vanderbilt ist ein konkretes, in den USA gut bekanntes Beispiel für das von-Reich-zu-Arm-Phänomen. 1877 starb Cornelius Vanderbilt in New York im Alter von 80 Jahren. Er war bei seinem Tod der reichste Mensch der Welt. Er hatte dieses Vermögen ohne den Startvorteil eines nennenswerten Erbes aus eigener Kraft alleine aufgebaut. 1973, knapp 100 Jahre nach dem Tod des Patriarchen, trafen sich die 120 direkten Nachfahren bei einer Family Reunion in New York. Zu diesem Zeitpunkt befand sich unter den Nachfahren – in Geld von 1973 – kein einziger Millionär mehr. Die drei Hauptgründe für diese beinahe unglaubliche Implosion des Familienwohlstands über etwa vier Generationen hinweg: (1) Konzentriertes Investieren, das schiefging (materialisiertes Klumpenrisiko), (2) Aufsplittung des Vermögens auf viele Nachkommen in Kombination mit einer überdurchschnittlichen Geburtenrate in der Familie, (3) verschwenderischer Lebensstil bei zu vielen Familienmitgliedern.
Zu Grund Nr. 1: Die Vanderbilts hatten den größten Teil des Familienvermögens im US-Eisenbahnsektor belassen, in dem Cornelius durch Schlauheit und harte Arbeit bis zu seinem Tod märchenhaft reich geworden war. Kurze Zeit nach Cornelius‘ Tod ging es mit dem US-Eisenbahnsektor aufgrund von Überkapazitäten und volkswirtschaftlichem Strukturwandel im Verein mit politischen Entscheidungen jedoch dauerhaft bergab (was in Echtzeit natürlich nicht so leicht erkennbar war). [8] Einen kleineren Teil des Familienvermögens investierten die Vanderbilts mit insgesamt ebenso desaströsen Resultaten in den Immobiliensektor der amerikanischen Ostküste.
Hätten die Vanderbilts 1878 ab dem ersten Erbgang angefangen, das vorhandene gigantische Familienkapital peu à peu diversifiziert in US-Aktien und zu einem kleineren Teil in Staatsanleihen anzulegen, also systematisch das enorme, wie sich herausstellen sollte, fatale Klumpenrisiko im Familienvermögen abzubauen und stattdessen breit über Hunderte Unternehmen und alle Branchen hinweg zu diversifizieren, wären einige Vanderbilt-Nachkommen heute noch Milliardäre und die meisten Multimillionäre.
Die Verhinderung der bei den Vanderbilts kaum glaublichen Verschwendungssucht bereits ab der ersten Generation nach Cornelius durch die Errichtung einer Familienstiftung (in den USA eines Family Trusts) hätte ebenfalls geholfen.
Nicht ganz so katastrophal, aber ebenfalls bemerkenswert negativ entwickelte sich das von John D. Rockefeller (1839-1937) begründete spektakuläre Familienvermögen. Rockefeller war, wie Vanderbilt, bei seinem Tod der reichste Amerikaner und vermutlich der reichste Mensch der Welt. Relativ zum Wert seines Eigentums 1937 hat es die Rockefeller-Familie bis heute in etwa 90 Jahren geschafft 97% davon zu „beseitigen“ (gemessen am jeweiligen Anteil des US-Bruttoinlandsproduktes).
Den in Bezug auf „Money-Mindset“ und Investmentechniken großen, aber von vielen (noch) Reichen dennoch nicht wirklich verstandenen fundamentalen Unterschied zwischen reich werden (Vermögensaufbau) und reich bleiben (Vermögensbewahrung und Vermögensnutzung) haben wir hier genauer beschrieben.
Fazit
Unternehmerische Klumpen- oder Konzentrationsrisiken – oft in Verbindung mit dem Versuch Renditen durch die Nutzung des Kredithebeleffektes (durch schuldenfinanziertes Investieren) zu erhöhen – sind der oder einer der Hauptzerstörer großer Familienvermögen – entweder bereits während die Gründergeneration noch lebt [9] oder noch stärker, nachdem die Gründergeneration ihren Besitz auf die erste Folgegeneration übertragen hat. Weil das so ist, gehört die Reduktion dieser Klumpenrisiken nach Abschluss der Vermögensaufbauphase zum „finanziellen Pflichtprogramm“ einer wohlhabenden Familie, sofern sie ihr erreichtes Vermögen generationenübergreifend erhalten will. Das geht am besten durch Investition eines prozentual steigenden Teils des Gesamtvermögens in global diversifizierte Aktien- und Anleihenanlagen, eventuell ergänzt mit einer optionalen moderaten Beimischung aus Gold- und Kryptoinvestments.
Wer zusätzlich Sorgen hat, dass die Nachkommen nicht verantwortungsvoll mit dem vorhandenen Familienvermögen umgehen können oder wollen, der könnte dieses Risiko oder diese Sorge mit dem Vehikel einer Familienstiftung mindern oder sogar ganz beseitigen.
Endnoten
[1] In für das Familienvermögen schlechten Jahren wurde die Entnahme gesenkt (eine gewöhnliche „Gürtel-enger-schnallen-Policy“). Die dann nicht getätigten Entnahmen wurden in den anschließenden guten Jahren nachgeholt.
[2] Siehe Eintrag „Forbes 400“ in der englischsprachigen Wikipedia.
[3] Auf dieses Versagen hat der heute 96-jährige amerikanische Ökonom Thomas Sowell schon vor Jahrzehnten in seinen Publikationen aufmerksam gemacht. Offensichtlich ohne Erfolg.
[4] Der grüne Heinrich ist einer der bedeutendsten Bildungs- und Entwicklungsromane der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts.
[5] In seiner finalen Fassung erschien das Buch 1879.
[6] „Vom Tellerwäscher [wörtlich „von Kleiderlumpen“] zu Reichtümern in drei Generationen und zurück.“
[7] Mit „liquiden Investments“ sind Vermögensanlagen in Aktien, Anleihen, Edelmetalle, Rohstoffe, Krypto-Währungen, Bankguthaben und aus diesen abgeleiteten Finanzprodukte wie z. B. Investmentfonds, gemeint.
[8] Darunter die politische Entscheidung, für die Nutzung des in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark ausgebauten Fernstraßensystems keine Mautgebühren zu erheben.
[9] Der frühere österreichische Milliardär René Benko ist ein Beispiel aus dem deutschen Sprachraum aus jüngster Zeit.
Literatur
Arnott, Robert/William Bernstein/Lillian Wu (2015): „The Rich Get Poorer: The Myth of Dynastic Wealth“; Cato Institute; Internet-Fundstelle: www.cato.org
Bessembinder, Hendrik (2018): „Do Stocks Outperform Treasury Bills?”; in: Journal of Financial Economics 129 (3); S. 440–457
Haghani, Victor/James White (2023): „The Missing Billionaires. A Guide to Better Financial Decisions“; Wiley Verlag (Buch)
Sosner, Nathan (2022): „When Fortune Doesn’t Favor the Bold – Perils of Volatility for Wealth Growth and Preservation“; in: The Journal of Wealth Management; Winter 2022; Band 25; Nr. 3
Williamson, Samuel H. u. a. (2026): „Defining Measures of Worth – Most are better than the CPI“; Internet-Fundstelle: https://www.measuringworth.com
Dieser Blog-Beitrag ist eine geringfügig veränderte Version eines Abschnittes aus unserem im Juni 2026 erscheinenden Buch „Intelligent Vermögen schützen: Wirksame Strategien zur Risikosenkung – ein praktischer Asset-Protection-Ratgeber“.