Toxische GlaubenssÀtze, die Ihren finanziellen Erfolg sabotieren

Ausschnitt eines deutschen Monopoly-Spiels mit Haus auf der Schlossallee.

Von Gerd Kommer und Selina Gschossmann  

Deutschland und Österreich haben ein Altersarmutsproblem, das sich aufgrund der bekannten Misere der gesetzlichen Rentenversicherungssysteme in Zukunft noch verschlimmern wird. Wer als normaler BĂŒrger, vor allem als Mensch in der ersten LebenshĂ€lfte in der Vermögensaufbauphase, diesem Problem individuell entgehen möchte, fĂŒr den ist Vermögensbildung ĂŒber den globalen Aktienmarkt die beste Option. Das gilt ganz besonders fĂŒr die einkommensschwĂ€chere HĂ€lfte der Bevölkerung, da fĂŒr diese die am meisten verbreitete Vermögensbildungsalternative zum Aktienmarkt – der kreditfinanzierte Erwerb eines Eigenheims (Haus, Wohnung) – wegen mangelnder BonitĂ€t selten offensteht. [1]

Nun existiert der Aktienmarkt bereits seit mehr als 200 Jahren und ist jedenfalls seit den 1950ern auch fĂŒr normale Haushalte in Deutschland, Österreich und der Schweiz in der Praxis gut zugĂ€nglich. Diese ZugĂ€nglichkeit hat sich besonders in den letzten zwei, drei Jahrzehnten noch weiter vereinfacht und verbilligt.

Dennoch besitzen heute nur rund 15% aller deutschen Haushalte Aktien oder Aktienfonds gegenĂŒber etwa 66% der amerikanischen. Das ist einer der GrĂŒnde, warum das Nettovermögen des Median-Amerikaners weit ĂŒber dem des Median-Deutschen liegt. [2]

Eine Hauptursache fĂŒr das Desinteresse der Deutschen am Aktienmarkt dĂŒrfte ihre generelle Skepsis gegenĂŒber der Marktwirtschaft, dem „Kapitalismus“ sein. Die Börse ist ein zentrales Element der Marktwirtschaft. Einer lĂ€nderĂŒbergreifenden Umfrage zufolge sehen unter den Befragten in 34 LĂ€ndern nur die Befragten in 11 LĂ€ndern den Kapitalismus, die Marktwirtschaft, noch kritischer als die Deutschen, wĂ€hrend die Menschen in 22 LĂ€ndern weniger antikapitalistisch oder sogar prokapitalistisch (z.B. Polen, USA) eingestellt sind. [3]

Wer der Marktwirtschaft skeptisch gegenĂŒbersteht oder sie generell ablehnt, wird sich wahrscheinlich weder Wissen noch praktische FĂ€higkeiten im Umgang mit marktwirtschaftlichen Formen des Vermögensaufbaus aneignen, z. B. Basiswissen ĂŒber Aktien, Investmentfonds oder die Börse.

Das Desinteresse am Aktienmarkt – dem gesellschaftlich wirksamsten und zugleich am einfachsten umsetzbaren Instrument zur Verhinderung bzw. Verringerung von Altersarmut – basiert auf Ebene des Individuums oft auf toxischen GlaubenssĂ€tzen ĂŒber Geld, Vermögensaufbau, Börse und Marktwirtschaft.

Sich mental und praktisch fĂŒr Börseninvestments zu öffnen und sei es anfĂ€nglich nur einem bescheidenen Aktien-ETF-Sparplan von 20 Euro pro Monat, gelingt umso eher, wenn Menschen ihre toxischen GlaubenssĂ€tze und Annahmen ablegen.

Vor diesem Hintergrund analysieren wir in diesem Blog-Beitrag elf schĂ€dliche GlaubenssĂ€tze und „giftige Stereotype“ ĂŒber die Marktwirtschaft, ĂŒber Geld, Börse und vermögend werden.

Bevor wir mit dem ersten schĂ€dlichen Glaubenssatz zu Geld beginnen vorab ein paar Worte zur Marktwirtschaft, das System, das direkt und indirekt den Rahmen und die Grundlage fĂŒr privaten Vermögensaufbau und Vermögensschutz bildet.

In ihrer heutigen Form entstand die Marktwirtschaft – der „Kapitalismus“ – allmĂ€hlich ab etwa 1800. Zu dieser Zeit begann der religiös legitimierte Feudalismus (der absolutistische Monarchismus), eine in zentralen Aspekten antimarktwirtschaftliche Gesellschaftsordnung in den westlichen LĂ€ndern schrittweise abzusterben. Zwar existierten auch vor 1800 MĂ€rkte als Orte des Austausches von GĂŒtern und Dienstleistungen, aber die essenziellen rechtlichen und institutionellen Grundelemente der modernen Marktwirtschaft waren vor etwa 1800 nur auf einen winzigen Teil der Gesamtbevölkerung beschrĂ€nkt: Berufsfreiheit und FreizĂŒgigkeit fĂŒr Privatpersonen, Gewerbefreiheit, Kapitalverkehrsfreiheit und Niederlassungsfreiheit fĂŒr Unternehmen. [4] Das Recht auf Eigentum bestand fĂŒr große Teile der Bevölkerung, z. B. Frauen oder Leibeigene, vor ca. 1800 ebenfalls nur eingeschrĂ€nkt.

Das allmĂ€hliche Absterben des Feudalismus vollzog sich ĂŒber rund 120 Jahre bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Wichtige Meilensteine fĂŒr das einsetzende Ende dieser antimarktwirtschaftlichen Gesellschaftsordnung waren die amerikanische und die französische Revolution in den Jahren 1776 und 1789. Einige Jahrzehnte zuvor, Mitte des 18. Jahrhunderts, hatte die industrielle Revolution in Großbritannien begonnen und dehnte sich spĂ€ter auf Kontinentaleuropa und Nordamerika aus.

Wie gewaltig sich das Los der Menschheit insgesamt durch das Entstehen der Marktwirtschaft ab ungefÀhr 1800 verbessert hat, illustriert Abbildung 1 anhand des Wachstums des globalen Bruttoinlandprodukts (BIP) pro Kopf in den vergangenen 2000 Jahren. [5]

Abbildung 1: Die Entwicklung des inflationsbereinigten, globalen Bruttoinlandprodukts (BIP) pro Kopf in den letzten 2.000 Jahren

â–ș Quelle: www.ourworldindata.org, Maddison Project Database 2023. â–ș Alle Zahlen in USD von 2021 = inflationsbereinigt

Abbildung 1 zeigt, dass das globale BIP pro Kopf (nÀherungsweise vergleichbar mit dem durchschnittlichen privaten Haushaltseinkommen), inflationsbereinigt mit Entstehen des Kapitalismus von 1820 bis heute um etwa 1300% stieg, eine Vervierzehnfachung.

In den rund 1.800 Jahren von Christi Geburt bis ins Jahre 1800 vor Entstehen der Marktwirtschaft war die globale Wirtschaftsleistung pro Kopf praktisch ĂŒberhaupt nicht gewachsen. Angesichts dessen ĂŒberrascht es kaum, dass der britische Philosoph Thomas Hobbes (1588–1679) das Dasein fĂŒr einfache Menschen im Jahr 1651 in seiner staatsphilosophischen Abhandlung Leviathan als „solitary, poor, nasty, brutish, and short“ beschrieb (einsam, arm, scheußlich, brutal und kurz). Erst mit der Entstehung der Marktwirtschaft konnten Eltern realistisch hoffen, dass es ihren Kindern einmal besser gehen wĂŒrde als ihnen selbst.

Genauso bedeutsam wie das Wachstum der volkswirtschaftlichen Einkommen und damit die starke, dauerhafte Verbesserung des wirtschaftlichen Loses der Menschen ĂŒber alle Schichten hinweg war der Anstieg der Lebenserwartung des durchschnittlichen ErdenbĂŒrgers. Diese betrug im Jahr 1820 kĂŒmmerliche 29 Jahre gegenĂŒber 73 Jahren im Jahr 2023 – in den westlichen LĂ€ndern, wo sich die Marktwirtschaft tendenziell frĂŒher und umfassender etabliert hat, als in der ĂŒbrigen Welt, sogar bei rund 79 Jahren.

Diese Entwicklungen illustrieren, wie geradezu dramatisch die Marktwirtschaft das Wohl der Menschen auf dem Planeten Erde ĂŒber einen langen Zeitraum verbessert hat.

Kommen wir nun zu den elf toxischen GlaubenssĂ€tzen, die viele von uns auf der persönlichen Ebene abhalten, der Marktwirtschaft und ihrem wichtigen Teilsystem Börse und Aktienmarkt zu vertrauen, um ĂŒber marktwirtschaftliche Institutionen und Wege Vermögen aufzubauen.

 

Toxischer Glaubenssatz ĂŒber Geld Nr. 1: „Geld ist die Wurzel allen Übels.“

Dass böse Taten von Menschen oft von Gier nach Geld als einem Symbol fĂŒr Vermögen motiviert werden, ist unstrittig und banal. Dennoch ist der Glaubenssatz, Geld sei die Wurzel allen Übels, ganz einfach falsch. Schon die Formulierung ist eine sinnentstellende, manipulative Abwandlung einer Aussage aus der Bibel: „Geldgier ist die Wurzel allen Übels“ (Neues Testament, 1 Timotheus 6,10). Geldgier und Geld sind jedoch zwei verschiedene Dinge.

Geld entstand evolutionĂ€r aus der ungesteuerten, spontanen Interaktion von Menschen vor etwa 4.000 Jahren in Mesopotamien. [6] Es war eine der wichtigsten Innovationen fĂŒr die Entwicklung der Menschheit am Übergang von der Steinzeit zur Bronzezeit. In seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung steht Geld auf einer Ebene mit anderen SchlĂŒsselinnovationen derselben Epoche (6000 v. Chr. bis 500 v. Chr.): der Erfindung der Schrift, der Formulierung der Grundlagen der Mathematik, der Erfindung des Kalenders, des Kompasses, von Papier, der Nutzung von Kohle zur WĂ€rmeerzeugung, der Metallverarbeitung (Bronze, Eisen), des Rades, von Beton/Zement und des Pflugs.

Geld war menschheitsgeschichtlich notwendig, um den heute kaum vorstellbar ineffizienten und wohlstandshemmenden Tauschhandel der Steinzeit durch einen effizienteren, einfacheren Modus fĂŒr den Austausch von GĂŒtern und Dienstleistungen abzulösen und damit die „volkswirtschaftliche Kapitalallokation“ dramatisch zu verbessern, also Verschwendung zu reduzieren und schöpferische Spezialisierung zu erleichtern. Eine effiziente, sparsame Kapitalallokation heißt, gesellschaftliche Kapitalressourcen dahin zu lenken, wo sie den grĂ¶ĂŸten kollektiven Nutzen stiften. Ohne die Erfindung von Geld hĂ€tte der zivilisatorische Ausstieg der Menschheit aus der Steinzeit nicht stattfinden können und ohne Geld wĂŒrde die heutige Weltwirtschaft in kurzer Zeit buchstĂ€blich zusammenbrechen mit katastrophalen Folgen fĂŒr die Menschheit. Geld ist kein Übel, sondern eine geniale kulturgeschichtliche Innovation.

Auch ist Geld per se moralisch neutral. Es ist nicht daran schuld, wenn einzelne Menschen danach gieren, es Neid auslöst oder eine Minderheit zu bösen Taten motiviert, genauso wenig wie ein KĂŒchenmesser daran schuld ist, wenn es fĂŒr einen Mord missbraucht wird.

➔ BĂŒcher/Fachartikel:

  • Ferguson, Niall (2008): „Der Aufstieg des Geldes: Die WĂ€hrung der Geschichte“ (engl. Original: „The Ascent of Money: A Financial History of the World“) [Buch]
  • Rieck, Christian (2025): „FĂŒrstengeld, Fiatgeld, Bitcoin – Wie Geld entsteht, einen Wert bekommt und wieder untergeht“ [Buch]
  • von Mises, Ludwig (1922): „The Impossibility of Economic Calculation under Socialism“ (1922); Internet-Fundstelle hier [Fachartikel]

 

Toxischer Glaubenssatz ĂŒber Geld Nr. 2: „Geld verdirbt den Charakter.“

FĂŒr die These, dass reiche Menschen hĂ€ufiger und irgendwie belegbar von schlechterem Charakter sind als arme Menschen gibt es keine belastbaren, wissenschaftlichen Belege. Zwar existieren zahlreiche wissenschaftliche Studien zu diesem Thema, deren Ergebnisse sind jedoch in Summe widersprĂŒchlich und uneindeutig.

WorĂŒber hingegen keine Unklarheit besteht: GewaltkriminalitĂ€t nimmt statistisch mit der Höhe des Einkommens von Menschen ab. Dass die belletristische Literatur der letzten 500 Jahre und „Hollywood“ in ihren erfundenen Geschichten, Reichtum sehr hĂ€ufig mit Schurkentum verknĂŒpfen, ist trivial, belegt aber nichts, außer dass Literatur und Filmindustrie – wie wir alle wissen – die RealitĂ€t nicht reprĂ€sentativ abbilden und dass Literatur und Medien einen perfekten Riecher dafĂŒr haben, was sich gut verkaufen lĂ€sst.

Leider sind auch in der Bibel Ă€hnlich törichte Aussagen von den grundsĂ€tzlich „bösen Reichen“ zu finden. Die bekannteste ist: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ [7]

Unseres Erachtens steht hinter dem verbreiteten Glaubenssatz „Geld verdirbt den Charakter“ letztlich Neid auf die Minderheit der Reichen, besonders in Kulturen mit hoher allgemeiner NeidausprĂ€gung. Eine Befragung in 13 LĂ€ndern ergab, dass nur in Frankreich der Sozialneid gegen Reiche noch stĂ€rker ist als in Deutschland, wĂ€hrend etwa Polen oder Japaner viel weniger neidisch sind (siehe folgende Literaturangaben). Neid ist eine in allen kulturellen Wertesystemen negativ konnotierte Emotion. Im Christentum gehört Neid zu den „sieben TodsĂŒnden“. Um unseren Neid subjektiv vor dem eigenen Gewissen ertrĂ€glicher zu machen, projizieren wir schlechte Eigenschaften auf die Personengruppe, die der Gegenstand des Neides ist, die Reichen. Wir tun das, obwohl wir keine harte Evidenz fĂŒr die Substanz dieser Projektion („Geld verdirbt den Charakter“, „Reiche sind böse“) haben.

➔ Fachartikel:

  • Zitelmann, Rainer (2020): „Prejudice and stereotyping against the wealthy“; In: Economic Affairs 40 (2); June 2020; Internet-Fundstelle hier
  • Zitelmann, Rainer (2024): „Popular perceptions of the rich in 13 countries“; In: Economic Affairs 44 (2); June 2024; Internet-Fundstelle hier
  • Zitelmann, Rainer (2020): „How Hollywood stereotypes the rich“; Internet-Fundstelle hier
  • Beig, Stefan (2020): „The Rich – A personally unknown and hated minority“; Internet-Fundstelle hier

 

Toxischer Glaubenssatz ĂŒber Geld Nr. 3: „Kapitalismus bedeutet Ausbeutung.“

Da „Ausbeutung“ ein Begriff ist, ĂŒber dessen genaue Definition und Interpretation schwer Einigkeit erzielbar ist, ersetzen wir „Ausbeutung“ hier durch die leichter nachprĂŒfbaren, verwandten Begriffe „extreme Armut“, „Sklaverei“, „Kinderarbeit“. Tut man das, zeigen die Daten, dass die Marktwirtschaft vermutlich mehr als alles andere auf der Welt dazu beigetragen hat, dass Armut, Sklaverei und Kinderarbeit, Formen von Ausbeutung – in den letzten rund 200 Jahren dramatisch und weitgehend kontinuierlich abgenommen haben.

Extreme Armut: Der Anteil der Weltbevölkerung, der gemĂ€ĂŸ Armutsdefinition der UNO in extremer Armut lebt, ist von 91% im Jahr 1820 auf 10% im Jahr 2024 zurĂŒckgegangen. Das ist ein doppelter Sieg, weil trotz stark wachsender Weltbevölkerung nicht nur der prozentuale Anteil der extrem Armen, sondern auch ihre absolute Zahl seit 1970 sinkt.

Im Jahr 2023 erzielten die einkommensĂ€rmsten 10% der Bevölkerung in den 40 „wirtschaftlich freiesten“ von 165 Staaten (LĂ€nder, in denen die marktwirtschaftlichen Freiheiten am wenigsten eingeschrĂ€nkt sind) ein durchschnittliches jĂ€hrliches Pro-Kopf-Einkommen von 9.770 US-Dollar. Die Ă€rmsten 10% der Bevölkerung in den 40 wirtschaftlich unfreisten LĂ€nder verdienten im Mittel nur 1.260 Dollar.

➔ Die angefĂŒhrten Daten stammen von den Websites www.ourworldindata.org und von www.fraserinstitute.org.

Sklaverei: Im Jahr 1800 existierten weltweit – je nach Quelle und Definition – 50 bis 60 Staaten. In allen diesen Staaten waren damals Sklaverei oder sklavereiĂ€hnliche Arrangements (z. B. Leibeigenschaft) erlaubt. Heute gibt es rund 200 Staaten und in allen ist Sklaverei gesetzlich verboten. Das gemeinnĂŒtzige australische Anti-Sklaverei-NGO Walk Free schĂ€tzt, dass heute – trotz offizieller Verbote – rund 50 Millionen Menschen weltweit in illegalen, sklavereiĂ€hnlichen VerhĂ€ltnissen leben. Das entspricht etwa 0,6% der Weltbevölkerung. Über 95% dieser 50 Millionen Menschen leben in Asien und Afrika, also in Staaten, in denen die Marktwirtschaft spĂ€ter eingefĂŒhrt wurde und heute weniger etabliert ist als im Westen. (Der so genannte Crony-Kapitalismus in vielen LĂ€ndern Afrikas ist ein von der jeweiligen korrupten Politikerelite gekaperter, pervertierter Schein-Kapitalismus ohne Rechtstaatlichkeit und mit stark eingeschrĂ€nkter Gewerbefreiheit.)

➔ Die angefĂŒhrten Daten stammen von der Website www.walkfree.org.

Kinderarbeit: Wenngleich die Datenlage in Bezug auf die Entwicklung der globalen Verbreitung von Kinderarbeit lĂŒckenhaft ist, [8] zeigen die verfĂŒgbaren Zahlen doch ausreichend klar, dass Kinderarbeit global wĂ€hrend der vergangenen 170 Jahre und auch in der jĂŒngeren Vergangenheit immer weiter gesunken ist. 1851 lag die Kinderarbeitsquote (KAQ) in Großbritannien fĂŒr Jungen bei 28,3% (globale Daten existieren erst seit dem Jahr 2000). Bereits 1911 war sie auf 14,4% gefallen. Im Jahr 2000 betrug die KAQ global noch 23%, im Jahr 2012 nur noch knapp 17% (neuere Vergleichszahlen derzeit nicht verfĂŒgbar). In den „reichen“ „kapitalistischen“ LĂ€ndern des Westens ist die KAQ auf nahezu null gesunken.

Das Los von Kindern hat sich auch in anderen Dimensionen wĂ€hrend der zurĂŒckliegenden 200 Jahre verbessert: Der Anteil der Kinder, die in den ersten fĂŒnf Lebensjahren sterben, sank global von 42% im Jahr 1800 auf 4% im Jahr 2020. Der Anteil der Kinder, der eine Basisausbildung hat (gemĂ€ĂŸ Definition der UNO), stieg von 17% im Jahr 1820 auf 87% im Jahr 2020. MĂ€dchen haben bei dieser Kennzahl gegenĂŒber Jungen in den letzten 40 Jahren deutlich aufgeholt und der noch vorhandene Abstand geht zum großen Teil auf islamisch geprĂ€gte, eher antimarktwirtschaftliche LĂ€nder zurĂŒck.

➔ Die angefĂŒhrten Daten stammen von der Website www.ourworldindata.org.

 

Toxischer Glaubenssatz ĂŒber Geld Nr. 4: „Die Reichen sind reich, weil die Armen arm sind.“

Hinter dieser sozialistischen These steckt die falsche Vorstellung, dass Marktwirtschaft ein „Nullsummenspiel“ sei und dass der Reichtum des einen Teils der Bevölkerung auf der Armut des anderen beruhe. In einem Nullsummenspiel muss der Gewinn oder Nutzen eines Spielteilnehmers durch den Verlust oder Schadens anderer Spielteilnehmer „finanziert“ (kompensiert) werden. [9]

In Wirklichkeit ist die Marktwirtschaft kein Nullsummen-, sondern ein Positivsummenspiel. Der geradezu atemberaubende Wohlstandszuwachs fĂŒr den durchschnittlichen Menschen auf dem Planenten Erde seit dem Beginn der Verbreitung der Marktwirtschaft, wie in Abbildung 1 verdeutlicht, wĂ€re in einer Nullsummenwelt nicht möglich gewesen. Dass dieser enorme globale Wohlstandsanstieg ab etwa 1820 relativ zu den Jahrtausenden davor auch die Ă€rmere HĂ€lfte der Weltbevölkerung einbezog, wird in unserer Widerlegung des toxischen Glaubenssatz 3 deutlich: Der globale RĂŒckgang extremer Armut, Sklaverei und Kinderarbeit. Auch der oben beschriebene starke Anstieg der Lebenserwartung in praktisch allen LĂ€ndern der Erde lĂ€sst sich nur in einer Welt erklĂ€ren, in der nicht der eine verliert, wenn der andere gewinnt.

Das Nullsummendenken in Bezug auf die Marktwirtschaft ist der vermutlich grĂ¶ĂŸte konzeptionelle Denkirrtum, der zur besonders in Deutschland verbreiteten Ablehnung von Marktwirtschaft und marktwirtschaftlichen Lösungen beim Vermögensaufbau beitrĂ€gt.

➔ BĂŒcher:

  • Mokyr, Joel (2018): „A Culture of Growth: The Origins of the Modern Economy“
  • Aghion, Philippe u.a. (2023): „The Power of Creative Destruction: Economic Upheaval and the Wealth of Nations“
  • Zitelmann, Rainer (2022): „Die 10 IrrtĂŒmer der Antikapitalisten. Zur Kritik der Kapitalismuskritik“
  • Scruton, Roger (2015): „Narren, Schwindler, Unruhestifter: Linke Denker des 20. Jahrhunderts“ (engl. Original „Fools, Frauds and Firebrands: Thinkers of the New Left“)

 

Toxischer Glaubenssatz ĂŒber Geld Nr. 5: „Die Ressourcen der Erde sind begrenzt. Daher muss es immer mehr gewalttĂ€tige Auseinandersetzungen um knappe Ressourcen geben.“

Die Behauptung, dass Rohstoffe zwangslĂ€ufig immer knapper werden oder grundsĂ€tzlich endlich seien, ist eine nicht ausrottbare Falschbehauptung, die Untergangspropheten schon seit gut 200 Jahren verbreiten – erstmalig im Jahr 1798 in einem berĂŒhmten Aufsatz des britischen Ökonomen Thomas Malthus (1766–1834), dem geistigen Ahnherrn aller Berufspessimisten.

Anfang der 1970er-Jahre publizierte ein Autorengruppe, die sich „Club of Rome“ nannte, in einer damals Aufsehen erregenden Studie mit dem Titel „The Limits of Growth“, [10] im Kern eine „Malthus-These 2.0“. Hauptaussage in „The Limits of Growth“ war: „Die Rohstoffe der Welt sind endlich und werden wegen des steigenden Rohstoffverbrauchs aufgrund der ‚Bevölkerungsexplosion‘ in den nĂ€chsten 20 Jahren zu Ende gehen. Die Folge sind vermutlich Kriege um Rohstoffe und Hungersnöte“. Eine Falschprognose, die „natĂŒrlich“ auf einem „neuen komplexen Computer-Modell“ basierte.

Energie-Rohstoffe sind schon deswegen nicht endlich, weil die Sonne jeden Tag gigantische Mengen von Energie kostenlos auf die Erde abstrahlt. Öl kann aus Kohle erzeugt werden, die noch mindestens 300 Jahre reicht. Relevante mengenmĂ€ĂŸige Grenzen fĂŒr Strom aus Atomenergie existieren nicht. Agrar-Rohstoffe sind ebenso wenig endlich.

In Bezug auf die allermeisten ĂŒbrigen Rohstoffe gilt, dass wir wahrscheinlich den grĂ¶ĂŸten Teil der auf diesem Planeten vorhandenen Mengen noch nicht gesucht und nicht abgebaut haben, weil das bisher nicht nötig oder technisch-ökonomisch noch nicht möglich war, z. B. Bergbau in großen Meerestiefen. In den nĂ€chsten Jahrzehnten wird vermutlich auch der Bergbau auf Asteroiden möglich werden.

Die allermeisten „endlichen“ Rohstoffe können und werden ĂŒberdies bei entsprechend hohen Preisen durch Alternativen substituiert. Diese Substituierbarkeit wird durch den technischen Fortschritt mit der Zeit immer einfacher und hĂ€ufiger umsetzbar.

Was das globale Bevölkerungswachstum anbelangt, wissen wir heute mit hoher Sicherheit, dass die Weltbevölkerung in den nĂ€chsten 30 bis 70 Jahren zu schrumpfen beginnen wird. Von der „Bevölkerungsexplosion“ als Bedrohung, wie sie in den 1970er- und 1980er-Jahren diskutiert wurde, spricht heute niemand mehr. Das seit Jahrzehnten weltweit sinkende Bevölkerungswachstum und die bald insgesamt abnehmende Weltbevölkerung werden zusammen mit dem technischen Fortschritt dafĂŒr sorgen, dass der Ressourcenverbrauch der Menschheit in Zukunft stark zurĂŒckgehen wird.

Faktisch (im Unterschied zur rein theoretischen Betrachtung) existiert keine Rohstoffknappheit oder -endlichkeit, weil die Marktwirtschaft die KrĂ€fte und Mechanismen in Gang setzt, die Endlichkeit „aushebeln“ oder kompensieren.

 

Toxischer Glaubenssatz ĂŒber Geld Nr. 6: „Die wirtschaftliche Ungleichheit nimmt immer mehr zu, die Reichen werden immer reicher“

Unter den elf hier behandelten GlaubenssĂ€tzen könnte dieser derjenige sein, dessen ZurĂŒckweisung oder Relativierung am kontroversesten ist und bei manchen Lesern Schnappatmung erzeugt. Grund: Viele von uns sehen die angeblich vom Kapitalismus verursachte fortwĂ€hrend wachsende wirtschaftliche Ungleichheit als Faktum an, dessen eindeutige Wahrheit niemand anzweifeln oder relativieren darf.

Ein Blick auf die Zahlen zeigt ein differenzierteres Bild:

Berechnet man ökonomische Ungleichheit nicht innerhalb einzelner LĂ€nder wie den USA oder Deutschland, sondern auf globaler Ebene, dann ist die Ungleichheit in den vergangenen Jahrzehnten klar gesunken. Der so genannte GINI-Koeffizient der verfĂŒgbaren Einkommen, ein mathematisches Maß fĂŒr Einkommensungleichheit, zeigt auf globalem Level (also alle LĂ€nder umfassend) heute mehr wirtschaftliche Gleichheit oder weniger Ungleichheit als noch 1960. GegenĂŒber 1990 ist die Ungleichheit besonders stark gefallen. Der Hauptgrund: Die Haushaltseinkommen in EntwicklungslĂ€ndern sind insgesamt schneller gewachsen sind als in den IndustrielĂ€ndern. (Auch in Deutschland lag der GINI-Koefffizient der Einkommen 2023 auf dem gleichen Niveau wie 2009 und nur geringfĂŒgig höher als 1990. Von „permanentem Anstieg“ kann man also gewiss nicht sprechen.)

Allgemein ist die Ungleichheitsforschung mit enormen Forschungsproblemen ĂŒberfrachtet, von Problemen der DatenqualitĂ€t und von methodischen Problemen sowie nicht zuletzt von ethischen, weltanschaulichen KomplexitĂ€ten. Dadurch ist es fĂŒr Ideologien leicht, eine vermeintliche Zunahme der Ungleichheit zu „beweisen“ und genau das beuten aktivistische Journalisten, Politiker und Ökonomen aus. Alles, was man dazu tun muss, sind selektiv einzelne LĂ€nder, kurze ZeitrĂ€ume oder nur ganz bestimmte Ungleichheitskennzahlen unter vielen möglichen herauszugreifen.

Stichwort verschiedene Maßzahlen fĂŒr Ungleichheit oder Armut: Aus unserer Sicht mĂŒsste jeder, der ohne ideologische Propagandaabsicht ĂŒber Ungleichheit redet oder berichtet dabei klarstellen, dass die Entwicklung der „extremen Armut“ auf diesem Planeten gemessen in absoluten GrĂ¶ĂŸen – sprich wieviel Einkommen haben die Armen in einem Monat oder einem Jahr zur VerfĂŒgung – mindestens genauso wichtig und eigentlich wichtiger ist als Entwicklung der relativen Armut, also der Ungleichheit. Bei der wichtigeren absoluten Armut hat sich die Situation in den letzten 100 Jahren und auch in den letzten 50 oder 20 Jahren weltweit drastisch verbessert – siehe unsere AusfĂŒhrungen zu Glaubenssatz 3. Hauptursache: Die marktwirtschaftlichen Reformen in vielen Entwicklungs- und IndustrielĂ€ndern seit den 1980er Jahren.

Lediglich in den am stĂ€rksten antimarktwirtschaftlichen LĂ€ndern wie Nordkorea, Venezuela, Kuba und einigen islamischen Diktaturen, wie Afghanistan oder Iran, dĂŒrfte extreme Armut in den letzten Jahrzehnten zugenommen haben.

➔ Die zitierten Daten stammen von der Website www.ourworldindata.org, der Website der Weltbank sowie Publikationen des Ökonomen Branko Milanović.

 

Toxischer Glaubenssatz ĂŒber Geld Nr. 7: „Ein Wirtschaftssystem, das auf Wachstum oder dem Zinseszins aufgebaut ist, kann nicht langfristig funktionieren.“

Diese Vorstellung basiert auf der realitĂ€tsfremden Interpretation einfacher exponentieller Wachstumsfunktionen in Volkswirtschaften, z. B. Zinsberechnungen oder anderer finanzmathematischer Wachstumsformeln und -kennzahlen. Der Grundfehler, den die VerkĂŒnder von der angeblich destruktiven Wirkung vor allem des Zinseszinses aber auch der Wachstumsraten einzelner Unternehmen, Branchen oder Technologien begehen, besteht darin, solche exponentiellen Wachstumsfunktionen/-formeln ĂŒber unrealistisch lange ZeitrĂ€ume in absurde, weltfremde Dimensionen „hochzurechnen“. ZeitrĂ€ume und Dimensionen, die in der Menschheitsgeschichte und der Geschichte der Marktwirtschaft jedoch noch nie vorgekommen sind und auch nicht vorkommen werden.

Das lĂ€sst sich an einem simplen Zahlenbeispiel illustrieren. Unterstellen wir, eine kleine deutsche Volksbank mit einem Kreditportfolio von bescheidenen 100 Millionen Euro im Startjahr 1. GelĂ€nge es der kleinen Bank dieses „Kreditbuch“ 100 Jahre lang jĂ€hrlich um nur 10% auszudehnen – durch Neukundengewinnung und durch den berĂŒchtigten Zinseszinseffekt, wĂ€re das Kreditvolumen der Bank nach 100 Jahren rund 70-mal so groß wie das der zehn grĂ¶ĂŸten Banken der Welt heute. Diese Berechnung zeigt, wie absurd es ist, selbst scheinbar moderate Wachstumsraten fĂŒr mehr als nur wenige Jahre in die Zukunft zu extrapolieren. In Wirklichkeit betrĂ€gt die durchschnittliche Lebenserwartung eines Unternehmens nur rund 20 Jahre, wie wir hier zeigen. Das Kreditbuch unserer Volksbank wĂŒrde irgendwann stagnieren und oder wieder schrumpfen. Die meisten Banken existieren keine 100 Jahre.

Auch politische Systeme – Staaten, Reiche – haben viel kĂŒrzere Lebenserwartungen als die meisten Menschen annehmen. Staaten und Reiche wachsen und prosperieren fĂŒr begrenzte Zeit. Dann stagnieren, schrumpfen oder „sterben“ sie wieder. Die „Konkursmasse“ geht in anderen, neuen staatlichen Gebilden auf. Das zeigt letztlich jedes Buch ĂŒber die Geschichte der letzten 3.000 Jahre. Dieses Gesetz gilt selbst fĂŒr die erfolgreichsten, zeitweilig stark wachsenden Zivilisationen, wie der norwegische Historiker Johan Norberg in seinem Buch „Peak Human“ zeigt (siehe unten).

Außerdem fĂ€llt das Zinsniveau in den wohlhabenden LĂ€ndern der Erde trendmĂ€ĂŸig seit rund 500 Jahren, was sich ökonomisch mit dem abnehmenden politischen Risikolevel und steigendem Wohlstandsniveau [11] in den betreffenden Staaten erklĂ€ren lĂ€sst (Schmelzing 2020). Der Zinseszinseffekt wird also, solange er ĂŒberhaupt andauert, tendenziell immer schwĂ€cher.

Es besteht ĂŒberdies wenig Zweifel daran, dass dank des technischen Fortschrittes Wirtschaftswachstum immer ressourcenschonender wird und sich der „ökologische Fußabdruck“ dieses Wachstums verbessert. Die Menge der CO2-Emissionen pro Kopf sinkt in der Gruppe der wirtschaftlich weit entwickelten LĂ€nder seit ungefĂ€hr zehn Jahren und wird auch in den SchwellenlĂ€ndern in den nĂ€chsten Jahren anfangen zurĂŒckzugehen. DarĂŒber hinaus zeigen viele Indikatoren, dass Luft- und Wasserverschmutzung auf globaler Ebene trotz derzeit noch wachsender Weltbevölkerung bereits rĂŒcklĂ€ufig sind. Diese wiederum wird – wie oben gezeigt – mittelfristig ebenfalls zu schrumpfen beginnen.

➔ BĂŒcher, Fachartikel:

  • Norberg, Johan (2025): „Peak Human: What We Can Learn from History’s Greatest Civilizations“ [Buch]
  • McAfee, Andrew (2019): „More from Less: The Surprising Story of How We Learned to Prosper Using Fewer Resources and What Happens Next“ [Buch]
  • Ritchie, Hannah (2024): „Not the End of the World: How We Can Be the First Generation to Build a Sustainable Planet“ [Buch]
  • Pooley, Gale/Tupy, Marian (2022): „Superabundance: The Story of Population Growth, Innovation, and Human Flourishing on an Infinitely Bountiful Planet“ [Buch]
  • Schmelzing, Paul (2020): „Eight Centuries of Global Real Interest Rates, R-G, and the ‘Suprasecular’ Decline, 1311–2018“; SSRN/Social Science Research Network [Fachartikel]

 

Toxischer Glaubenssatz ĂŒber Geld Nr. 8: „Geld macht nicht glĂŒcklich.“ Alternative Formulierungen: „Geld schafft Sorgen und Probleme“ oder „es gibt Wichtigeres als Geld“.

NatĂŒrlich macht Geld nicht direkt und unmittelbar glĂŒcklich und natĂŒrlich gibt es Wichtigeres als Geld, z. B. Gesundheit, aber Geld in Gestalt von Einkommen und Vermögen hilft Menschen ganz klar Sorgen, Probleme und MĂ€ngel abzumildern.

Es existiert umfangreiche wissenschaftliche Forschung aus den letzten 20 Jahren, die zeigt, dass arme Menschen statistisch weniger zufrieden mit ihrem Leben sind als korrekt vergleichbare vermögendere (reichere) Menschen bzw. Menschen mit höherem Einkommen. Trotzdem wiederholen Journalisten und Intellektuelle immer noch laufend von der jĂŒngeren Forschung lĂ€ngst widerlegte, veralteten Thesen aus den 1970er- und 1980er-Jahren, die fehlerhaft einen fehlenden positiven Zusammenhang zwischen steigendem Einkommen und steigendem subjektivem GlĂŒcksempfinden belegen oder – die abgemilderte Variante – dass EinkommenszuwĂ€chse oberhalb eines Plateaus von etwa 75.000 Dollar oder Euro pro Jahr praktisch keinen positiven Effekt mehr auf das subjektive Zufriedenheitsempfinden von Menschen mehr hĂ€tten. Beides ist falsch, wie wir inzwischen aus der Wissenschaft wissen.

➔ Fachartikel:

  • Stevenson, Betsey/Wolfers, Justin (2013): „Subjective Well-Being and Income: Is There Any Evidence of Satiation?“; in: American Economic Review; Band 103; Nr. 3; 2013
  • Killingsworth, Matthew (2024): „The Price of Happiness. What is the shape of the relationship between money and happiness, and what are its implications?“; Working Paper, 03 Oct. 2024; Internet-Fundstelle hier

 

Toxischer Glaubenssatz ĂŒber Geld Nr. 9: „Unsere Zeit ist besonders unsicher und risikoreich.“

„Wir leben in Zeiten beispielloser Unsicherheit – wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich.“ So lautet eine Behauptung aus einem kĂŒrzlichen Newsletter des bekannten Finfluencers Marc Friedrich. Sie könnte falscher kaum sein.

TatsĂ€chlich hat unsere Sicherheit gemessen an objektiven, wirklich wichtigen Kriterien in den letzten 50 Jahren und in den letzten 20 Jahren weltweit und in Europa zugenommen. Was sind diese Kriterien? Es sind Statistiken ĂŒber die korrekt gemessene prozentuale HĂ€ufigkeit beispielsweise von (a) GewaltkriminalitĂ€t, (b) schweren UnfĂ€llen im Straßenverkehr, am Arbeitsplatz und im Haushalt, (c) die meisten Krankheiten mit Todesfolge, (d) Kindersterblichkeit, (e) die Zahl von Kriegsopfern weltweit, (f) Armut gemessen in absoluten FinanzgrĂ¶ĂŸen, (g) Arbeitslosigkeit, (h) WasserqualitĂ€t und (i) LuftqualitĂ€t.

In all diesen Feldern zeigen die verfĂŒgbaren Daten, sobald man ausreichend große Regionen und hinreichend lange ZeitrĂ€ume zugrunde legt, eine trendmĂ€ĂŸige Abnahme wichtiger Unsicherheitskennzahlen. Diese Entwicklung wird unter anderem in den unten genannten drei BĂŒchern detailliert und mit harten Daten belegt. Dass wir in Deutschland zu Recht unzufrieden mit der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung der vergangenen 10+ Jahre sind, Ă€ndert nichts am hier dargestellten Gundsachverhalt zum trendmĂ€ĂŸigen RĂŒckgang faktenbasierter Unsicherheit.

➔ BĂŒcher:

  • Rosling, Hans (2018): „Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“
  • Pinker, Steven (2018): „AufklĂ€rung jetzt: FĂŒr Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt“ (engl. „Enlightment now – the case for reason, science, humanism and progress“)
  • Schröder, Martin (2019): „Warum es uns noch nie so gut ging und wir trotzdem stĂ€ndig von Krisen reden“

Warum haben wir den gegenteiligen Eindruck? Warum wollen wir dem erwÀhnten Zitat von Marc Friedrich intuitiv so heftig zustimmen?

Die ErklĂ€rungen dafĂŒr sind einfach.

— Der „Negativity Bias“ in den Medien: Die Medien, sowohl die traditionellen Medien als auch die sozialen Medien, praktizieren eine starke, man könnte auch sagen, manipulative Verzerrung ihrer Berichterstattung in Richtung auf negative Ereignisse. So entsteht ein verzerrtes Bild der Welt – nicht, weil die tatsĂ€chliche RealitĂ€t so negativ ist, sondern weil sie einseitig negativ und selektiv dargestellt wird.

— Das „Diagnostikproblem durch technischen Fortschritt“: Unsere Informationen ĂŒber die Existenz und das Ausmaß vieler medizinischer, ökologischer, wirtschaftlicher oder politischer Probleme werden heute immer genauer und granularer – was dazu fĂŒhrt, dass diese Probleme als grĂ¶ĂŸer wahrgenommen werden als frĂŒher, auch wenn sie möglicherweise oder wahrscheinlich gar nicht grĂ¶ĂŸer sind. Ein Beispiel: Heute existieren in den westlichen LĂ€ndern mehr diagnostizierte FĂ€lle von Darmkrebs als vor 20 Jahren. Aus diesem Faktum schließen wir irrtĂŒmlich, dass die HĂ€ufigkeit oder das Risiko von Darmkrebs zugenommen habe. TatsĂ€chlich ist jedenfalls die Wahrscheinlichkeit in einem gegebenen Alter an Darmkrebs zu sterben, also das Darmkrebsrisiko, in den letzten ca. 20 Jahren in den westlichen LĂ€ndern gesunken. Unser Denkfehler: Aus „mehr FĂ€lle gefunden“ schlussfolgern wir fĂ€lschlich „es gibt mehr FĂ€lle“. [12] Dieses „Diagnostikproblem“ betrifft aufgrund des technischen Fortschritts nahezu alle gesellschaftlich wichtigen Felder und lĂ€sst die Mehrheit von uns falsch ableiten, dass Unsicherheit und Probleme gewachsen seien.

— Pessimistische Aussagen klingen fĂŒr uns tendenziell glaubwĂŒrdiger und „schlauer“ als optimistische Aussagen: Über dieses oft bestĂ€tigte psychologische PhĂ€nomen existieren wenig Zweifel. (Hier der Link zu einem englischsprachigen Artikel zum Thema.)

— Unser falscher Fokus auf sehr kurzfristige ZeitrĂ€ume, statt auf lĂ€ngerfristige Entwicklungen und auf lokale Gebiete, statt großer Gebiete: SelbstverstĂ€ndlich lassen sich zu den eingangs genannten Kriterien Verschlechterungen mit Zahlen belegen – wenn man selektiv vorgeht. Dieses „datenmĂ€ĂŸige Rosinenpicken“ besteht typischerweise darin, Teilperioden und/oder kleine Territorien auszuwĂ€hlen, z. B. nur die letzten zwölf Monate statt der letzten 20 Jahre oder nur eine einzelne Großstadt statt ganz Europa.

— Unsere egozentrische Psyche: Wir haben ein angeborenes, psychologisches BedĂŒrfnis, unsere eigene Zeit und unsere eigene persönliche Existenz relativ zu vergangenen Zeiten und Generationen als besonders schwierig, gefĂ€hrlich und fĂŒr die weitere Weltgeschichte einzigartig bedeutsam zu betrachten. Weil wir das tun, sind wir „sehr gerne bereit“ tatsĂ€chliche Verbesserungen zu ĂŒbersehen oder zu unterschĂ€tzen.

Doch selbst, wenn die Annahme ĂŒber „unsere immer unsicheren Zeiten“ zutrĂ€fe, wĂ€re ein breit gestreutes Investment in ein global diversifiziertes Aktienportfolio eines der wirksamsten Mittel, dieser Unsicherheit finanziell zu begegnen.

 

Toxischer Glaubenssatz ĂŒber Geld Nr. 10: „Geld regiert die Welt.“

Über diese These wĂŒrden die allermeisten an UniversitĂ€ten angestellten Historiker und Politikwissenschaftler wohl schmunzeln. Wenn es gesellschaftliche KrĂ€fte und Institutionen gibt, die historisch die Welt niedertrĂ€chtig regiert und dominiert haben und heute die Welt niedertrĂ€chtig regieren und steuern, dann sind das primĂ€r fundamentalistische Religionsauffassungen, radikale politische Ideologien von links und rechts sowie ganz einfach realpolitisches Machtstreben in ausnahmslos allen politischen Farbschattierungen, aber nicht Unternehmen oder einzelne reiche Menschen.

Selbst die grĂ¶ĂŸten Unternehmen der Welt und ihre VorstĂ€nde unterliegen heute mehr denn je der Kontrolle der jeweiligen Regierungen und insgesamt schĂ€rferen Gesetzen kombiniert mit effizienterer, hĂ€rterer Strafverfolgung. Das haben gerade die letzten zehn Jahre gezeigt und das gilt fĂŒr die USA, fĂŒr China, Russland, fĂŒr Deutschland und fĂŒr so gut wie jedes andere Land. Wenn man superreichen UnternehmensfĂŒhrern im Westen in dieser Hinsicht einen Vorwurf machen kann, dann den, dass sie sich – auch in den letzten 20 Jahren – den jeweiligen linken oder rechten Regierungen im Vorauseilenden Gehorsam unterwarfen und ihnen liebdienerten, um das Wachstum ihrer Unternehmen zu schĂŒtzen.

In Diktaturen wie China oder Russland besteht ĂŒber die fortwĂ€hrende Beeinflussung und Anpassung und Unterwerfung von Großunternehmen sowie der Reichen einschließlich MilliardĂ€re und „Tech-Bosse“ durch einen ĂŒbermĂ€chtigen Staat sowieso kein Zweifel.

➔ BĂŒcher, Fachartikel:

  • Bagchi, Sutirtha/Fagerstrom, Matthew (2023): „Wealth inequality and democracy“: In: Public Choice; Vol. 197; 2023 [Fachartikel]
  • McCloskey, Deirdre Nansen/Carden, Art (2022): „Leave Me Alone and I’ll Make You Rich: How the Bourgeois Deal Enriched the World“ [Buch]

 

Toxischer Glaubenssatz ĂŒber Geld Nr. 11: „Börse ist Zockerei und Casino.“

Der Aktienmarkt ist kein Casino fĂŒr die Reichen. Er ist ein unverzichtbares Teilelement der Marktwirtschaft – dasjenige Wirtschaftssystem, das seit 200 Jahren den Lebensstandard und die Lebenserwartung der Menschheit fast kontinuierlich verbessert hat, einschließlich der LebensverhĂ€ltnisse des Ă€rmeren Drittels der Menschheit.

Wer in Aktien investiert stellt Unternehmen Eigenkapital bereit, mit dem sie GĂŒter und Dienstleistungen herstellen, die die acht Milliarden Menschen auf diesem Planeten jeden Tag fĂŒr ihr nacktes Überleben und darĂŒber hinaus fĂŒr die Verbesserung ihrer LebensumstĂ€nde brauchen. Börsennotierte Unternehmen sind in vielerlei Dimensionen fĂŒr Außenstehende zudem weitaus transparenter als nicht börsennotierte Firmen.

Die beiden heutigen Hauptalternativen zur Marktwirtschaft – Sozialismus und religiöser Fundamentalismus – haben sowohl bei der Verbesserung des wirtschaftlichen Loses der Menschheit als auch in Bezug auf den Umweltschutz eine im Vergleich zur Marktwirtschaft weit schlechtere Bilanz.

FĂŒr Menschen, die Vermögen aufbauen oder erhalten möchten, gibt es kaum eine bessere, einfachere und kostengĂŒnstigere Möglichkeit, als zumindest einen Teil ihres liquiden Vermögens in einen breit diversifizierten globalen Aktien-ETF zu investieren.

➔ BĂŒcher:

  • Desai, Mihir (2017): „The Wisdom of Finance – Discovering Humanity in the World of Risk and Return“
  • Niemietz, Kristian (2021): „Sozialismus: Die gescheiterte Idee, die niemals stirbt“
  • Kuran, Timur (2010): „The Long Divergence: How Islamic Law Held Back the Middle East“

 

Zum Schluss drei kluge Zitate zu Geld und Vermögensbildung:

„Unter manchen Eliten existiert eine Art Snobismus zu glauben, Geld sei nicht nötig, um glĂŒcklich zu sein. Das ist dumm, das ist falsch, das ist niedertrĂ€chtig.“ – Albert Camus, 1913–1960, französischer Philosoph, Schriftsteller und Gewinner des Literaturnobelpreises.

„I have been rich and I have been poor. Believe me, rich is better.“ – Beatrice Kaufmann, 1895–1945, amerikanische Schriftstellerin.

„FĂŒr ein miserables Leben empfehle ich Ihnen: Verschwenden Sie keine Gedanken an Geld.“ – Rolf Dobelli, Unternehmer, studierter Philosoph, Bestsellerautor zu Fragen der LebensfĂŒhrung.

 

Fazit

Langfristig Vermögen aufzubauen und seine Altersvorsorge abzusichern ist schwierig genug. Wer sich diese Aufgabe jedoch zusĂ€tzlich durch negative, toxische GlaubenssĂ€tze ĂŒber Marktwirtschaft, Geld, Wohlstand oder die Börse erschwert, reduziert seine Chancen noch weiter – und das ist unnötig.

Machen Sie sich frei von schĂ€dlichen GlaubenssĂ€tzen ĂŒber Geld. Machen Sie Geld zu Ihrem Freund. Einen Freund muss man gut behandeln. Tut man das, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er einem ĂŒber Jahre und Jahrzehnte doppelt und dreifach das zurĂŒckgeben wird, was man ihm vorher gegeben hat.

 

Endnoten

[1] In einem kĂŒrzlichen Blog-Beitrag haben wir gezeigt, dass Mieten kombiniert mit einer einfachen ETF-Aktienmarktanlage auf Buy-and-Hold-Basis statistisch zu einem höheren Endvermögen fĂŒhrt als der Erwerb einer selbstgenutzten Immobilie. Siehe Kommer/Jerschensky: „Mieten oder Kaufen – was ist finanziell attraktiver?“

[2] Nettovermögen = Vermögenswerte abzĂŒglich Schulden. Der „Median“ ist ein zum arithmetischen Durchschnitt alternativer „Mittelwert“. Der Median ist der mittlere Wert in einer Sortierung aller Werte von groß nach klein.

[3] Rainer Zitelmann: „Attitudes towards capitalism in 34 countries on five continents“; 06.09.2023, In: Economic Affairs; Vol. 43; Issue 3; Oct. 2023.

[4] Das sind im Wesentlichen auch die so genannten „vier Grundfreiheiten“ fĂŒr Arbeitnehmer und Unternehmen innerhalb der EU.

[5] Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) eines Landes ist die Summe aller im Inland erzielten Einkommen innerhalb eines Kalenderjahres: Löhne, GehĂ€lter, Unternehmereinkommen (z.B. Gewinne) und Kapitaleinkommen (z.B. Zinsen, Dividenden). Dabei werden DoppelzĂ€hlungen vermieden. Den grĂ¶ĂŸten Anteil am BIP machen Löhne und GehĂ€lter aus.

[6] Das Gebiet des heutigen Iraks sowie Teile Syriens, Irans und der TĂŒrkei.

[7] Dieser Satz findet sich in drei der vier Evangelien (Markus 10,25, MatthÀus 19,24, Lukas 18,25), jeweils etwas anders ausformuliert.

[8] FĂŒr viele LĂ€nder liegen entweder keine Daten vor, oder sie sind aufgrund uneinheitlicher Definitionen und mangelnder DatenqualitĂ€t nur eingeschrĂ€nkt belastbar.

[9] „Nullsummenspiel“ und „Positivsummenspiel“ sind Begriffe aus der mathematischen und ökonomischen Spieltheorie/Game Theory.

[10] „Die Grenzen des Wachstums“.

[11] Diese fĂŒhrt bei Individuen zu einer sinkenden „ZeitprĂ€ferenz“ (auch „GegenwartsprĂ€ferenz“ genannt) – siehe Wikipedia Eintrag „ZeitprĂ€ferenz“.

[12] Bei den meisten Krebstypen und vielen anderen Krankheiten erklĂ€rt allein die Zunahme der Lebenserwartung einen großen Teil der Zunahme der diagnostizierten FĂ€lle. Solche Diagnosen reprĂ€sentieren aber ebenfalls keine Erhöhung des echten Krebsrisikos – trotz Erhöhung der absoluten KrebsfĂ€lle bzw. Krebsdiagnosen.

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